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Es gibt zwar schon seit langem zahlreiche kirchliche Initiativen, die das Thema Kunst und Kirche diskutieren und in diesem Kontext ebenso vielfältige wie interessante Projekte initiieren. Dazu zählen unter anderen die inzwischen legendäre Kunststation St. Peter in Köln, das langjährige Communicare-Projekt der Evangelischen Kirche in Warburg, das die Kirche alle zwei Jahre zur Kunsthalle werden lässt, die Kunstprojekte in der Bielefelder Neustädter Marienkirche oder die Initiativen der Zeitschrift Kunst und Kirche und ihrer Web­site kunstundkirche.com, die vom Präsidium des Evangelischen Kirchbautages, dem Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg, dem Diözesan-Kunstverein Linz in Kooperation mit dem Institut für Kunstwissenschaft und Philosophie der Katholisch-theologischen Privatuniversität Linz verantwortet wird. Eine künstlerische Initiative wie die von Elisabeth Lasche und Bruno Büchel ist hingegen selten. In den vergangenen zwei Jahren haben sie sich auf gänzlich eigene Initiative hin donnerstags um 14 Uhr für eine gute Stunde zum gemeinsamen Zeichnen in St. Jodokus verabredet. Ihr Treffpunkt war damit ein Ort, dessen Geschichte seit den Anfängen dieser Kirche außergewöhnlich ist, die sie zu einem geschichtsträchtigen und ausgesprochen auratischen Ort gemacht hat,1 – und das inmitten einer heute dynamischen Indus­trie- und Wissenschaftsstadt, die sich aus einer orthodox-protestantischen Kaufmannsstadt entwickelt hat. Franziskanermönche in Bielefeld: Außergewöhnliche Kirchengeschichte(n) Die Geschichte des Bielefelder Franziskanerklosters begann bereits dadurch außergewöhnlich, dass die Franziskanermönche 1502 die Betreuung der Wallfahrtskapelle auf dem Loykhuser, auf dem Jostberg am Schlingen­weg zwischen Bielefeld und Halle, übernahmen und dort ein Kloster errichteten. Das erwies sich für einen Bettelorden, der sich der Linderung der Armut, der Predigt und der Seelsorge in Städten widmet, sehr schnell als ungünstig. Als ihnen von einem wohlhabenden Bielefelder ein Grundstück mitten in Bielefeld geschenkt wurde, zogen sie um – zunächst in den Waldhof, um von dort den Bielefelder Klosterneubau zu begleiten. Sie nahmen, so scheint es heute, sogar die Steine vom Jostberg mit und errichteten in vergleichsweise kurzer Zeit ein neues Kloster, das sie mitsamt der Klosterkirche dem Heiligen Jodokus (= Jost, dem Patron der Pilger) widmeten – und das schon lange vor dem Eintreffen des päpstlichen Einver-ständnisses zur Klostergründung in Bielefeld. Bereits am 20. Juli 1511 wurde der Chorraum der Kirche geweiht und bis 1514 zogen die Mönche in ihr neues Kloster um, dessen Kirche im Gegensatz zu der anderer Bettelorden vergleichsweise klein ist.2 Dennoch wurde sie in ihrem Innenraum im wahrsten Wortsinne liebevoll ausgestattet: mit einer gotischen Deckenbemalung, einem aufwendig gearbeiteten Chorgestühl, von dem einige Teile noch heute im Kirchenchor erhalten sind, einem heute seltenen gotischen Levistenstuhl, einer Schwalbennestorgel, die an der Kirchennordwand im ersten Joch des an das Langhaus anschließenden Chorgewölbes installiert gewesen ist, einer Figur des Hl. Jodokus aus der Zeit um 1480 u. a. m., denen weitere Kunstschätze folgten, darunter eine kostbare Bibliothek, die heute in der Bibliothek des Ratsgymnasiums verwahrt wird. Die Bielefelder Franziskaner gehörten zur Observanz und damit zu der Richtung des Ordens, die den Regeln des Heiligen Franziskus konsequent folgen – auch dann noch, als die Kirche im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts immer mehr verweltlichte, Kanoniker des Marienstifts etwa mit Konkubinen, Frauen und Familien zusammenlebten, Besitztümer, Handel und geselligen Wandel pflegten und „den lieben Gott einen guten Mann sein“ ließen; von Ablasshandel und Inquisition im Allgemeinen hier nicht zu reden. Auch in Bielefeld nahmen deshalb die reformatorischen Auseinandersetzungen seit den 1540er Jahren zu; nach jahrelangen Debatten wurde die Stadt 1555 schließlich pro-testantisch. Kunst und Kirche Die Katholiken, seitdem eine Minderheit im protestantischen Bielefeld, wurden nunmehr von den Franziskanern betreut. Auch im Kanonikerstift St. Marien setzte sich die Reformation zunehmend durch, immer mehr Stiftsherren wurden protestantischen Glaubens und nachdem die letzten katholischen Stiftsherren ausgeschieden und die katholische Kapelle in der Neustädtermarienkirche aufgelöst waren, wurde 1819 auch die spätro-manische Bielefelder Schwarze Madonna (um 1220) aus der Marienkirche in die Jodokus­kirche überführt. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 säkularisiert, wurde das Kloster aufgrund einer preußischen Kabinettsorder 1829 aufgelöst und ist seitdem Pfarrei. Eine Reihe von Gemeindemitgliedern – insbesondere aus Kreisen des wohlhabenden Adels – erwies sich seit der Reformation und auch in den Jahrhunderten danach als nicht nur finanzielle Stütze des Klosters, die dessen wirtschaftliche Existenz durch Stiftungen förderten und über Jahrhunderte auch den Kircheninnenraum in Form von Schenkungen bis in die Gegenwart bereicherte. Hierzu zählen beispielsweise die 1653/1654 von Hans Henrich Reinking gebaute Orgel mit barockem Prospekt, die die frühere Schwalbennestorgel ablöste, das sogenannte Consbruchsche Portal, das den Kirchenraum 1713 zur Obernstraße öffnete und in dessen Nähe seit der Kirchenumgestaltung 2011 die barocke Pietà steht, prunkvolle Kronleuchter im Stil der Renaissance, 14 Stationen des Kreuzgangs im Nazarenerstil des 19. Jahrhunderts, ein Christus an der Geißelsäule (1912), ein spätgotischer hölzerner, wohl aus der Schweiz stammender Schrein aus der Zeit um 1500, der die Figuren eines Bischofs, der Madonna und des heiligen Michael darstellt und der Gemeinde um 1960 gestiftet wurde, die 1962 erworbenen und zu einem Retabel zusammengefügten Ikonenbilder des russischen Künstlers Alexey Saweljew (1918–1996), im Klos­ter­innenhof die Friedhofslaterne des Wiedenbrücker Bildhauers von Hubertus Hartmann (1915–2006) aus dem Jahr 1980 oder die im Kontext des 500. Jubi­­- läums­jahres vorgenommenen Kirchenraumumgestaltungen des an der Kunsthochschule Kassel lehrenden Künstlers Norbert Radermacher mit der 2011 angebauten Tabernakelkapelle. „Die gewachsene Vielfalt der spätgotischen Kirche St. Jodokus ist ihr besonderer Reichtum,“ heißt es in einem Erläuterungsbericht zur Kirchenumgestaltung des Bundes Deutscher Innenarchitekten (BDIA) aus dem Jahr 2014:3 „Unser neues Gestaltungskonzept respektiert die Vielfalt der zurückliegenden 500 Jahre, stärkt die rituelle Ausstrahlung und die Eigenheiten der Innenräume und der Skulpturen. Dabei folgen wir den liturgischen Bedeutungen und Abläufen und richten unseren Entwurf für jede Figur, Nische, Farbe und Detail nach der richtigen Stelle, dem Grad an Konzentration, der Intensität der Begegnung, dem richtigen Licht, der emotionalen und spirituellen Nähe und der Fernwirkung. Kirchen stehen allen offen. Sie gehören zu den wenigen noch verbliebenen öffentlichen Räumen, zu denen jeder ungefragt Zugang hat.“ Elisabeth Lasche, Bruno Büchel und die Pietà Elisabeth Lasche und Bruno Büchel haben sich im „rituellen Innenraum“ der neugestalteten St. Jodokuskirche der Pietà gewidmet, deren Herkunft bis heute ungeklärt ist. Die Bezeichnung Pietà ist dem Lateinischen „domina nostra de pietate“ (= unsere Herrin vom Mitleid) entlehnt, stammt aber aus dem Italienischen und bedeutet ‚Frömmigkeit‘ oder ‚Mitleid‘. Die Darstellung Marias als Mater Dolorosa (= Schmerzensmutter) mit dem Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus auf dem Schoß ist seit dem Mittelalter eine der bedeutendsten kirchlichen Skulpturmotive, die in nahezu allen katholischen Kirchen zu finden ist. Die weltweit berühmteste Pietà ist die von Michelangelo, die er zwischen 1498 und 1500 geschaffen hat und die heute im Petersdom in Rom steht. Die Bielefelder Pietà entstand wohl zur Zeit des Barock. Seit Beginn des 17. Jahrhunderts, als sich in vielen Teilen Europas große nationale Monarchien im Sinne des modernen Staates entwickelten, hatte die (katholische) Kirche der Reformation standzu-halten und sich erneuern, auch in der Kunst. Es entstand der Barock, ursprünglich als ‚bizarr‘ oder ‚ungewöhnlich‘ verstanden. Architekten, Bauherren und Künstler wandten sich von den Errungenschaften der Renaissance dezidiert ab und suchten nach neuen Dimensionen für prächtige Gebäude mit szenischen und emotionalen Elementen voller Bewegung – in der Architektur, der Landschaftsmalerei, in Stillleben oder Porträts, in Gemälde oder Skulpturen. Doch zugleich war es nach der Reformation mit dem Frieden vorbei. Aus religiösen und damit machtpolitischen Gründen wütete in Europa von 1618 bis 1648 der Dreißigjährige Krieg – ein kriegerischer Konflikt um religiöse – konfessionelle Zugehörigkeit zur katholischen oder protestantischen Kirche, zwei Seiten derselben Medaille! – und weltliche Vormachtstellung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (dem Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom Spätmittelalter bis 1806) und zugleich ein Religionskrieg von Kaiser und Katholischer Liga gegen die Protestantische Union. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten im Reich trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre dynastischen Interessenkonflikte mit Frankreich, den Nieder-landen, Dänemark und Schweden aus … Heere und Banden von marodierenden Söldnern zogen durchs Land, Not und Elend, Angst und Schrecken, Krankheit und Tod bedrohten die Menschen, auch in Bielefeld. Man vermutet heute, dass von den etwa 18 Millionen Menschen, die 1618 im Reich lebten, in den folgenden drei Jahrzehnten etwa ein Drittel zu Tode gekommen ist: Das bedeutet: 6.000.000 Tote, eine tragische Zeit.4 Künstler und Dichter haben mit ihren Werken versucht, diese Tragik künstlerisch und literarisch in den Griff zu bekommen, zu veranschaulichen und damit für die nach wie vor gläubigen Menschen Trost zu spenden. Das bringt auf eigentümliche Art und Weise auch die Bielefelder Pietà zum Ausdruck, wenn auch künstlerisch etwas unsicher, un-ausgereift, nicht stimmig proportioniert, vielleicht etwas ‚ländlich‘ wirkend, aber doch zum Nachdenken, vielleicht auch heute noch zum Gebet anregend. Andreas Gryphius (1616–1663), der große Dichter des Barock und der Erfinder von Versmaß und Reimschema in Zeiten des großen Chaos, hat um 1637 ein Sonett verfasst, das das menschliche Elend seiner Zeit spiegelt.5 Es ist angesichts des Leidens in dieser Welt leider heute noch aktuell – genauso wie das traurige Thema der Mater Dolorosa, das Elisabeth Lasche und Bruno Büchel neu interpretiert haben.

1) Vgl. für das Folgende Johannes Altenberend, Josef Holtkotte (Hg.): St. Jodokus 1511–2011. Beiträge zur Geschichte des Franziskanerklosters St. Jodokus in Bielefeld, Bielefeld 2011, Reinhard Vogelsang: Geschichte der Stadt Bielefeld, Band I: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, Bielefeld 19892, S. 76 f., S. 250 ff., sowie die Rezension des St. Jodokus-Bandes 2011 von Christian Helbich in: https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19094 (21.1.2018).

2) Der heute vorhandene proportional zum Kirchenbau allzu große Dachreiter wurde erst im 19. Jahrhundert errichtet.

3) Vgl. St. Jodokus, Bielefeld. Innenarchitektur, Lichtgestaltung, Restaurierung und Erweiterung Erläuterung vom 29.6.2014, in: https://bdia.de/wp-content/uploads/2014/10/10369_Erlaeuterungsbericht.pdf (21.1.2018).

4) Vgl. dazu ausführlich Andreas Beaugrand: Kriegskultur und Friedenskunst. Zur Ambivalenz menschlichen Lebens: Krieg und Frieden 1648/1998, Bielefeld 1998.

5) Das Gedicht erschien 1637 im Gedichtbuch Lissaer Sonette. Vgl. dazu auch Adalbert Elschenbroich (Hg.): Andreas Gryphius. Gedichte, Leipzig 1986.

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